#134 – Die 11 Minuten Geburt auf dem Beifahrersitz

Atempause Podcast Cover mit Timo Niessner
In dieser Episode erzähle ich euch von der spektakulären 11 Minuten Geburt meines Sohnes.
Share This Post

11 Minuten Geburt auf dem Beifahrersitz

EIN SPEKTAKULÄRER ATEMPAUSE-ERFAHRUNGSBERICHT

Herzlich willkommen zu einem ganz besonderen Rückblick. Ich bin Timo, und heute teile ich mit euch eine Geschichte, die mein Leben und mein Verständnis von Vertrauen und Präsenz für immer verändert hat. Es geht um die Geburt meines zweiten Sohnes – eine Reise, die eigentlich 60 Kilometer pro Stunde Richtung Krankenhaus führen sollte, aber nach nur 11 Minuten auf dem Beifahrersitz ihr Ziel fand. Zwischen Löffelbaggern, roten Ampeln und der Kraft der Atmung erlebten wir eine Extremerfahrung, die zeigt: Das Leben lässt sich nicht planen, aber man kann lernen, mit ihm zu fließen.

DIE VORBEREITUNG UND DIE KRAFT DER RICHTIGEN ATMUNG

Schon vor dem errechneten Termin war uns klar, dass die zweite Geburt vor der Tür stand. Nach den Erfahrungen mit unserem ersten Kind wollten meine Partnerin und ich dieses Mal noch bewusster in den Prozess gehen. Ein zentraler Punkt dabei war das Restorative Breathing. Ich habe meiner Frau Tipps an die Hand gegeben, die in der Geburtsvorbereitung oft unterschätzt werden: die primäre Nasenatmung.

Eine langsame, tiefe Einatmung durch die Nase und eine verlängerte Ausatmung unterstützen die parasympathische Aktivität. Das ist entscheidend, um nicht in den “Fight or Flight”-Modus des Sympathikus zu rutschen, der den Geburtsvorgang durch Stresshormone blockieren kann. Wir sprachen über die Lippenbremse und das Tönen beim Ausatmen, um den Schmerz und den Druck aktiv abzugeben. Diese Techniken des Restorative Breathing sollten später unser wichtigster Anker werden.

 

WENN DER PLAN AUF DIE REALITÄT TRIFFT

Am Freitagabend verkürzten sich die Wehenabstände. Wir waren vorbereitet: Die Schwiegermutter war zur Betreuung des großen Sohnes da, die Kliniktasche gepackt. Doch dann passierte etwas Typisches: Als die Betreuung eintraf und sich das Setting änderte, wurden die Wehen zunächst schwächer. Ich legte mich kurz hin, um Kraft zu tanken – doch die Ruhe währte nicht lange.

Um ca. 02:20 Uhr änderte sich alles schlagartig. Die Fruchtblase platzte leicht an, und die Intensität der Wehen nahm massiv zu. Während ich das Navi programmierte – Ankunftszeit in 13 Minuten – sagte meine Partnerin bereits den entscheidenden Satz: “Das schaffen wir nicht mehr.” In diesem Moment realisierte ich, dass diese Geburt nach ihren eigenen Regeln spielt.

 

GEBURTSBEGLEITUNG ALS TEAMARBEIT: DER MANN ALS ANKER

Auf dem Weg zum Auto und während der Fahrt war meine wichtigste Aufgabe die Co-Regulation. In Folge 39 meines Podcasts habe ich bereits darüber gesprochen, wie wichtig es ist, dass Männer ihre Frauen durch gemeinsames Atmenunterstützen. Eine Gebärende kann in der Hitze des Augenblicks vergessen, auf ihren Atemrhythmus zu achten.

Ich habe vorgeatmet, und sie hat nachgeahmt. Tief ein durch die Nase, kontrolliert aus durch den Mund. Dieser gemeinsame Rhythmus hielt uns in der Verbindung, während ich versuchte, den Wagen sicher durch die nächtlichen Straßen von Graz zu steuern. Es ist diese Verbundenheit, die ein Paar in einer solchen Extremsituation zusammenschweißt.

 

DER LÖFFELBAGGER UND DER POINT OF NO RETURN

Es klingt wie aus einem schlechten Film: Mitten in der Nacht, nur zwei Kilometer vor der Klinik, versperrte uns eine Baustelle den Weg. Ein Arbeiter mit einer roten Kelle blockierte die Durchfahrt. Die Kommunikation scheiterte an Sprachbarrieren und dem Unverständnis für unsere Notlage. In diesem Moment platzte die Fruchtblase meiner Partnerin endgültig – filmreif und lautstark.

Da es keine Zeit für Diskussionen gab, wählte ich die Flucht nach vorne und steuerte den Wagen über den Gehweg an der Baustelle vorbei. Parallel dazu rief meine Frau die Hebamme Barbara an: “Der Kopf ist da!” Ich konnte es erst nicht glauben, doch als ich meine rechte Hand vom Steuer nahm und in ihren Schritt fasste, spürte ich den Kopf meines Sohnes bereits deutlich gegen den Stoff drücken.

 

DIE GEBURT BEI 60 KM/H AUF DER ELISABETHSTRASSE

Die Szene war surreal: Die linke Hand am Lenkrad, die rechte Hand am Kopf des Kindes, das gerade geboren wurde. Ich überfuhr rote Ampeln und ignorierte Straßenbahngleise, immer mit dem Ziel, die Klinik so schnell wie möglich zu erreichen. Doch als ich zum Schalten die Hand kurz wegnehmen musste, passierte es.

Ein letztes Pressen, der Schrei: “Er kommt!” – und unser Sohn war auf der Welt. Noch während der Fahrt löste meine Partnerin den Gurt, zog die Kleidung beiseite und legte sich das Neugeborene auf die Brust. Als wir die Auffahrt zur Klinik erreichten und die Hebammen bereits mit dem Bett bereitstanden, konnte ich nur noch rufen: “Er ist eh schon da!”

 

VERARBEITUNG EINER EXTREMERFAHRUNG

Obwohl die Geburt traumhaft verlief – ohne Verletzungen und in tiefer Dankbarkeit – kam kurze Zeit später ein unerwartetes Gefühl auf: Das Gefühl, der Geburt “beraubt” worden zu sein. Wenn ein Prozess, auf den man sich Monate vorbereitet, in nur 11 Minuten auf einem Autositz abgeschlossen ist, fehlt die Zeit der gemeinsamen Erarbeitung im Kreißsaal.

Es war eine Extremerfahrung, die erst in den Tagen danach emotional bei mir ankam. Die Erkenntnis, wie verletzlich und gleichzeitig unfassbar stark wir Menschen sind, saß tief. Meine Partnerin stieg aus dem Auto, das Kind im Arm, die Nabelschnur noch verbunden, und sah aus, als wäre sie gerade erst aufgestanden. Diese weibliche Urkraft hat mich tief beeindruckt und mein Bild von ihr noch einmal auf ein neues Level gehoben.

 

WAS WIR AUS DIESER NACHT LERNEN KÖNNEN

Was bleibt von einer 11-minütigen Geburt im Auto? Vor allem die Erkenntnis, dass Vertrauen die stärkste Waffe gegen die Unplanbarkeit des Lebens ist. Wir sind ruhig geblieben, weil wir uns hatten und weil wir durch die Atmungverbunden waren.

Für alle werdenden Eltern da außen: Nutzt die Zeit der Vorbereitung, um Techniken wie das Restorative Breathing zu verinnerlichen. Aber seid auch bereit, alle Pläne über Bord zu werfen, wenn das Leben selbst das Steuer übernimmt. Es geht darum, im Moment zu sein, zu reagieren und dem Körper zu vertrauen.

FAZIT UND AUSBLICK

Diese Geburt war ein Event, das uns als Familie für immer zusammengeschweißt hat. Wenn man gemeinsam ein Kind bei 60 km/h auf dem Beifahrersitz zur Welt bringt, fragt man sich: Was soll jetzt noch kommen, das uns aus der Bahn wirft? Diese Sicherheit und dieses tiefe Vertrauen in unsere Resilienz nehmen wir mit in unseren Alltag als nun zweifache Eltern.

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie du dich oder deine Partnerin mental und körperlich auf eine Geburt vorbereiten kannst, hör dir unbedingt auch Folge 39 an. Dort gehe ich noch tiefer auf die physiologischen Aspekte der Atmung ein.

Vielen Dank, dass du meine Geschichte bis zum Ende gelesen hast. Es war mir wichtig, dieses Erlebnis hier im Atempause Podcast Blog zu teilen, um es selbst weiter zu verarbeiten und euch Mut zu machen, euren eigenen Weg zu gehen – egal wie schnell er verläuft.

Bis zum nächsten Mal, Euer Timo

Bring deine Atmung auf ein neues Level im wöchentlichen Atempause-Atemtraining oder mit dem kostenlosen 7-Tage-Atemjournal
More To Explore