HÖR AUF ZU ZWEIFELN: WIE WIR ÄNGSTE UND SCHAM ÜBERWINDEN
IM GESPRÄCH MIT SARAH DESAI
Wir alle kennen diese Momente im Leben, in denen die Selbstzweifel lauter werden als unsere innere Stimme der Vernunft. Momente, in denen uns die Angst scheinbar lähmt und wir uns am liebsten unsichtbar machen würden. Doch wie gehen wir aktiv mit diesen intensiven Emotionen um? Wie schaffen wir es, tief sitzende Muster aus der Vergangenheit zu durchbrechen und echte Selbstverantwortung zu übernehmen?
In der neuesten Folge des Atempause Podcasts hatte ich, Timo, die wunderbare Expertin, Bestseller-Autorin und Host von „The Mindful Sessions“, Sarah Desai, zu Gast. Gemeinsam sind wir tief in die menschliche Psyche eingetaucht, um zu ergründen, wie wir Ängste und Scham überwinden können. Dieses Thema berührt mich zutiefst und fließt auch intensiv in unsere Breathwork Coach Ausbildung mit ein. Denn erst wenn wir lernen, unsere eigenen Grenzen bewusst wahrzunehmen, können wir aktiv mit ihnen arbeiten.
DER LEIDENDRUCK ALS GRÖSSTER HEBEL FÜR VERÄNDRUNG
Viele Menschen beginnen mit der inneren Arbeit erst dann, wenn der Druck im Außen unerträglich wird. Sarah Desai teilt im Gespräch eine ganz persönliche und prägende Erfahrung aus ihrem Leben. Mit nur 24 Jahren wurde sie Mutter – mitten in einer existentiellen Krise: ohne Job, ohne Geld, ohne ein festes Dach über dem Kopf in einer völlig neuen Stadt. Ein Schicksalsschlag, der viele Menschen völlig aus der Bahn gewerfen hätte.
Doch genau inmitten dieses Sturms fand sie ihren persönlichen Anker. Damals gab es weder Social Media noch Podcasts, doch die Entscheidung, sich täglich auch nur für wenige Minuten mit sich selbst auseinanderzusetzen, veränderte alles. Mentale Praxis ist kein Wellness-Programm, das man sich erst durch harte Arbeit verdienen muss. Es ist eine fundamentale Notwendigkeit, genau dort anzufangen, wo man gerade steht, und die Ressourcen zu nutzen, die man hat. Der Leidensdruck fungiert hierbei oft als der stärkste Hebel, um ein radikales Umdenken einzuleiten.
WARUM UNSERE KÖRPER SCHNELLER REAGIEREN ALS UNSER GEIST
Selbst wenn wir jahrelang Persönlichkeitsentwicklung betreiben, unsere eigene Firma aufgebaut haben und finanziell unabhängig sind, verschwinden die alten Trigger nicht über Nacht. Das Leben stellt uns immer wieder vor neue Aufgaben. Manchmal reagiert unser Körper in Sekundenbruchteilen mit einem intensiven Sicherheitsbedürfnis, noch bevor unser Verstand die Situation überhaupt analysieren kann.
Sarah beschreibt das treffend anhand eines aktuellen Beispiels aus ihrer Buchpromo: Als plötzlich alle Amazon-Vorbestellungen systembedingt storniert wurden, meldete sich sofort das alte, existenzielle Gefühl der Hilflosigkeit. Obwohl rational gesehen keine Gefahr für Leib und Leben bestand, feuerte das tief sitzende Muster aus der Vergangenheit. In solchen Momenten greifen meist zwei klassische Überlebensstrategien:
Der Angriff (Überkompensation): Wir stürzen uns kopfüber in den Kampf, treiben den Cortisol- und Adrenalinspiegel in die Höhe und fühlen uns kurzfristig stark, brennen jedoch langfristig völlig aus.
Die Vermeidung: Wir schieben das Problem weg, tun so, als wäre es uns nicht wichtig, und flüchten vor der Situation. Das Gehirn lernt dadurch zwar kurzfristig „Sicherheit“, doch langfristig vermeiden wir damit das Leben selbst.
VERMEIDUNG VS. VERDRÄNGUNG: DER WEG IN DIE AKZEPTANZ
Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen dem unbewussten Verdrängen und der bewussten Vermeidung von Situationen. Wenn du bemerkst, dass du einer Situation aus dem Weg gehst, bist du bereits einen Schritt weiter: Du agierst im Bewusstsein. Anstatt dich jedoch dafür zu verurteilen oder sofort in den Aktionismus zu verfallen, liegt der wahre Schlüssel im Akzeptanzmodus.
Es gilt, sich mit der Angst, der Scham oder den Schuldgefühlen hinzusetzen und sie einfach da sein zu lassen. Jedes Muster, das wir in uns tragen, wollte ursprünglich einmal etwas Gutes für uns tun – es hat uns bis hierher beschützt. Doch als erwachsene, bewusste Menschen dürfen wir diese Strategien heute hinterfragen. In ihrem neuen Buch schreibt Sarah dazu einen wunderschönen Satz: „Sag es laut, manchmal braucht Angst nur ein Wort, um ihre Macht zu verlieren.“ Erst wenn wir aussprechen, wovor wir uns fürchten, schrumpft der gigantische Schatten des Zweifels.
DAS UNSICHTBARE ERBE: WIE GENERATIONEN-TRAUMATA UNS PRÄGEN
Unsere Prägungen beginnen bereits in der frühesten Kindheit. Ein Neugeborenes ist fundamental auf Zugehörigkeit und Bindung angewiesen, um zu überleben. Wir entwickeln ein gespiegeltes Selbstwertempfinden und lernen extrem schnell, welche Verhaltensweisen uns die Liebe und Anerkennung unserer Bezugspersonen sichern.
Doch die Wurzeln unserer Ängste reichen oft noch viel tiefer – hinein in die Epigenetik und unser familiäres Erbe. Wir übernehmen von unseren Vorfahren nicht nur die Augenfarbe oder die Haare, sondern ganze Glaubenssysteme. Kriegserfahrungen, Flucht oder existentielle Traumata der Großeltern-Generation beeinflussen nachweislich, wie sensibel unser heutiges Stresssystem auf Themen wie Sichtbarkeit oder Kontrollverlust reagiert. Wenn wir beginnen, diese unsichtbaren Elefanten im Raum anzusprechen, betreten wir Neuland. Wir machen uns extrem verletzlich, brechen aber gleichzeitig den generationenübergreifenden Kreislauf durch.
SELBSTMITGEFÜHL IST KEIN KISSEN, SONDERN EIN NETZ
Verstehen allein reicht jedoch nicht aus – Veränderung braucht die reale Erfahrung und die Praxis im Alltag, wie wir es auch im Restorative Breathing lehren. Wenn der Körper schneller ist als der Geist und uns die Angst überrollt, hilft kein rationales Einreden. Was in diesem Moment wirklich transformative Kraft besitzt, ist radikales Selbstmitgefühl.
Viele Menschen verwechseln Selbstmitgefühl fälschlicherweise mit Selbstmitleid. Doch diese beiden Zustände könnten nicht unterschiedlicher sein:
Selbstmitleid raubt uns Energie, hält uns in der Opferrolle gefangen und blockiert jede Form der Weiterentwicklung.
Selbstmitgefühl hingegen bedeutet, sich in einem schweren Moment sanft, freundlich und ohne Bewertung zu begegnen. Es verbindet uns mit der universellen menschlichen Erfahrung, denn wir erkennen: Schmerz und Fehler gehören absolut zum Menschsein dazu.
Wie Sarah es im Podcast so treffend formuliert hat: „Selbstmitgefühl ist nicht das Kissen, auf dem wir uns ausruhen, sondern das Netz, das uns höher springen lässt.“ Es ist eine radikale, kraftvolle Haltung, die uns die nötige Selbstwirksamkeit zurückgibt, um mutig mitten dorthin zu springen, wo das echte Leben passiert.
WER SITZT AM STEUER DEINES LEBENS?
Ein entscheidender Wendepunkt in der persönlichen Entwicklung ist die Erkenntnis, dass Ängste und Zweifelwahrscheinlich niemals vollständig verschwinden werden. Und das müssen sie auch gar nicht. Sarah nutzt hierfür ein wundervolles Bild: Die Ängste dürfen existieren, aber sie dürfen nicht mehr hinterm Steuer sitzen. Sie gehören auf den Beifahrersitz.
Manchmal greifen sie im Alltag unvorhergesehen ins Lenkrad – wie bei Sarahs unvorhergesehenem Amazon-Fehler. Der Unterschied zu früher liegt jedoch darin, kurz anzuhalten, durchzuatmen und die Rollen im eigenen psychologischen Haus wieder klar zu verteilen. Wenn wir aufhören zu zweifeln, bedeutet das nicht, dass wir die Existenz des Zweifels leugnen. Es bedeutet, dass wir nicht mehr an der Berechtigung unserer eigenen Gefühle zweifeln. Der Zweifel ist nur noch ein Besucher von vielen in unserem inneren Haus. Neben ihm wohnen nun auch Besucher wie Ruhe, Visionen, Träume und Liebe. Die Stimme des Zweifels wird dadurch nicht zwingend leiser, aber sie ist nicht mehr die einzige, die wir hören.
DIE TRANSITION: VOM GEFALLENWOLLEN ZUR VERLETZLICHKEIT
Der Übergang von der permanenten Orientierung am Außen hin zu einem stabilen, vom Außen unabhängigen Selbstwertgefühl ist eine wackelige Brücke. Viele Menschen definieren ihren Wert ein Leben lang über das Feedback anderer. Doch auf der unermüdlichen Suche nach Bestätigung entfernen wir uns immer weiter von unserem Kern. Wir mutieren zu einem Schiff ohne Kompass.
Wenn wir beschließen, diesen Kreislauf zu durchbrechen, fühlt sich das im ersten Moment oft an, als stünden wir nackt da. Sarah erinnert sich an ihre eigene Transition, als sie ihren prestigeträchtigen Job als erste weibliche Leitung einer Plattenfirma kündigte. Plötzlich waren alle Rollen und Kleider weg, an denen die Welt sie erkannt hatte. Ihr Rat für diese Phase ist radikal: „Starr erst einmal ein halbes Jahr die Wand an.“ Es gilt, den Zustand des Nicht-Wissens auszuhalten, anstatt sich sofort in die nächste schützende Identität zu flüchten. Erst in diesem Freiraum lernen wir, wer wir außerhalb unserer alten Rollen und Funktionen wirklich sind.
DIE VERSCHIEBUNG IM SYSTEM UND DER PREIS DER HARMONIE
Sobald wir anfangen, unsere neuen Erkenntnisse im Alltag umzusetzen und Grenzen zu setzen, betreten wir das Terrain zwischenmenschlicher Systeme. Jede Familie, jede Partnerschaft und jedes Team funktioniert wie ein Mobile. Es befindet sich in einem feinen, oft über Jahre mühsam austarierten Gleichgewicht. Wenn sich nun ein Teil verändert – zum Beispiel indem du anfängst, „Nein“ zu sagen –, gerät das gesamte System ins Wanken.
Hierbei entsteht unweigerlich Spannung. Wichtig ist zu verstehen: Die Menschen reagieren in diesem Moment meist nicht gegen dich persönlich, sondern sie reagieren auf die Verschiebung im System. Oft wird dann versucht, über subtile Schuldgefühle die alte Ordnung wiederherzustellen. Uns wird suggeriert, wir würden die Harmonie zerstören. Doch Harmonie hat ihren Preis: den Preis der Selbstaufgabe und der Stagnation. Sich zu verändern bedeutet, diese Spannungen mutig auszuhalten und nicht sofort wieder in alte, angepasste Muster zurückzufallen.
DAS SCHÖNE CHAOS: WARUM PERFEKTIONISMUS UNS TRENNT
In ihrem neuen Buch „Heute höre ich auf zu zweifeln: Überwinde dein Imposter-Syndrom und glaube an dich“ räumt Sarah Desai mit den größten Mythen unserer Leistungsgesellschaft auf. Eines der faszinierendsten psychologischen Phänomene, die sie beschreibt, ist der sogenannte „Beautiful Mess Effect“ (das schöne Chaos).
Während wir oft glauben, wir müssten perfekt sein, um geliebt und respektiert zu werden, zeigt die Forschung genau das Gegenteil: In dem Moment, in dem wir unsere Masken fallen lassen, Fehler eingestehen und uns verletzlich zeigen, fühlen sich Menschen erst recht zu uns hingezogen. Perfektion kreiert Distanz; Verletzlichkeit kreiert echte Verbundenheit. Unser unbewusster Perfektionismus ist nichts weiter als eine Schutzstrategie unseres Nervensystems, um Scham und Ausgrenzung zu vermeiden. Wenn wir lernen, mit diesen Emotionen zu sitzen, statt sie zu bekämpfen, gewinnen wir unsere wahre Freiheit zurück.
FAZIT: EIN JA ZU DIR SELBST
Am Ende des Tages ist der Weg aus den Selbstzweifeln kein Zustand, den man einmalig erreicht und dann für immer besitzt. Es ist ein fortlaufender, lebendiger Prozess. Es geht darum, die Kontrolle darüber aufzugeben, wie andere uns sehen, und stattdessen die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden zu übernehmen.
Egal, ob wir uns gerade in der Rolle der Mutter, des Unternehmers oder des Partners befinden – die wichtigste Beziehung bleibt die zu uns selbst. Sarahs Buch, das am 1. Juni im Droemer Knaur Verlag erschienen ist, bietet hierfür eine wunderbare Kombination aus wissenschaftlichen Studien, praktischen Nervensystemübungen und tief berührenden Gedichten. Es lädt uns dazu ein, den Fokus weg von den Zweifeln und hin zu der Fülle unseres inneren Hauses zu richten.
