Reisekrankheit adé
ATEM-TOOLS & SELBSTERFAHRUNG FÜR STABILE FAHRTEN
Die Sonne glitzert auf den Wellen, das Boot schaukelt sanft im Wind – für viele der Inbegriff von Freiheit. Doch für Menschen, die unter Reisekrankheit oder Seekrankheit (Sea Sickness) leiden, verwandelt sich dieser Traum schnell in einen Albtraum aus Übelkeit und Schwindel. In der neuesten Folge der „Atempause“ spricht Timo offen über sein persönliches „Kryptonit“ und wie er es geschafft hat, durch mentales Training und gezieltes Restorative Breathing seine Freiheit auf dem Wasser zurückzugewinnen.
DIE PERSÖNLICHE HERAUSFORDERUNG: WENN DER TRAUMJOB ZUR QUAL WIRD
Timo ist viel unterwegs, er ist Apnoe-Lehrer und Gerätetauchlehrer. Man sollte meinen, das Wasser sei sein zweites Zuhause. Doch die Realität sah jahrelang anders aus. Vor etwa 15 Jahren, während seiner Zeit als Tauchlehrer auf Mallorca, wurde er massiv mit der Seekrankheit konfrontiert. Besonders auf den sogenannten Zodiacs – schnellen, halbharten Booten – wurde ihm extrem schlecht, sobald das Boot stoppte und den Wellen ausgeliefert war.
Die Situation war nicht nur körperlich belastend, sondern auch mental fordernd: Als Guide und Ausbilder musste er präsent und fit sein. Die Scham, sich vor den Schülern zu übergeben, führte zu einer drastischen Strategie: Nur Wasser trinken und Bananen essen, da diese bei Übelkeit den Körper mit geringem Widerstand verlassen. In drei Wochen verlor Timo fast 10 Kilo. Es war ein harter Kampf, den er schließlich durch pure mentale Stärke und ein unerschütterliches „Ich ziehe das jetzt durch“-Mindset gewann. Nach drei Wochen hatte sich sein Körper angepasst.
DER WENDEPUNKT IN NICARAGUA: DIE GRENZEN DER REISETABLETTEN
Jahre später folgte jedoch ein Rückschlag. Bei einer Überfahrt in Nicaragua, die statt vier Stunden plötzlich acht Stunden dauerte, versagten selbst die üblichen Reisetabletten. Wenn der Körper einmal in der Spirale aus Übelkeit und Erschöpfung gefangen ist, hilft oft nur noch das Ende der Reise. Timo beschreibt diesen Moment als einen Wendepunkt, der sogar dazu führte, dass ihm danach selbst in einer Hängematte schwindelig wurde.
Diese Erfahrung zeigt: Medikamente können unterstützen, aber sie lösen nicht immer das zugrunde liegende Problem im Nervensystem. Deshalb hat Timo nach Wegen gesucht, die tiefer ansetzen – direkt bei der Steuerung unseres Körpers durch die Atmung und das Gleichgewichtsorgan.
DIE KRAFT DES RESTORATIVE BREATHING BEI AKUTER ÜBELKEIT
Wenn du bereits auf dem Boot oder im Wasser bist und merkst, dass die Übelkeit aufsteigt, ist schnelles Handeln gefragt. Timo nutzt hierfür gezielte Techniken aus dem Restorative Breathing, um das Nervensystem zu regulieren und den Parasympathikus zu aktivieren.
SO GEHST DU IN DER AKUTSITUATION VOR:
DEN BAUCHRAUM BEFREIEN: Enge Kleidung oder ein fester Gürtel üben Druck auf den Bauch aus, was die Übelkeit verstärkt. Lockere deinen Gürtel und schaffe Platz zum Atmen.
KÖRPERHALTUNG KORRIGIEREN: Vermeide es, dich nach vorne zu beugen. Gehe stattdessen in ein ganz leichtes Hohlkreuz, um den Abdominalbereich zu öffnen.
GEZIELTE ATEMREGULATION: Wenn wir gestresst sind, verfallen wir oft in eine flache Brustatmung. Das signalisiert dem Körper Gefahr. Schalte um auf eine tiefe Bauchatmung.
DIE BRUMM-ATMUNG: Atme sanft durch die Nase ein und verlängert durch den Mund aus. Ein leichtes Brummen (Summen) während der Ausatmung hilft zusätzlich, die Herzfrequenz zu senken und den Fokus weg von der Übelkeit hin zur Regulation zu lenken.
Durch diese bewusste Atembearbeitung schaffte es Timo bei seinen Free Diving Camps, trotz Wellengang zwei Stunden länger im Wasser zu bleiben und seine Schüler professionell zu betreuen, ohne sich zu übergeben.
PRÄVENTION DURCH TRAINING DES GLEICHGEWICHTSSINNS: DAS "WHEELING"
Neben der akuten Hilfe gibt es eine effektive Methode, um den Körper langfristig auf Schwankungen vorzubereiten. In der Ausbildung zum Restorative Breathing nutzen wir Techniken, die auch in der Sufi-Meditation oder bei den „5 Tibetern“ vorkommen: das sogenannte Wheeling (Eindrehen).
Beim Wheeling drehst du dich um die eigene Körperachse, während du einen Punkt (z. B. deinen Daumen) fixierst. Was zunächst kontraintuitiv klingt, ist ein hocheffektives Training für deinen Gleichgewichtssinn.
DER TRAININGSEFFEKT:
Durch regelmäßiges Drehen (startend mit wenigen Umdrehungen bis zu maximal 21) lernt dein Gehirn, mit Schwindelgefühlen umzugehen. Wenn du nach dem Drehen abrupt stoppst, setzt du sofort wieder das Restorative Breathing ein: bauchhorizontale Atmung, lange Ausatmung mit Brummen. Du simulierst quasi die Seekrankheit in einem sicheren Umfeld und trainierst deine Selbstwirksamkeit. Dein Körper lernt: „Es dreht sich zwar, aber ich kann mich durch meine Atmung sofort wieder stabilisieren.“
NATÜRLICHE WEGE STATT NUR CHEMISCHE HILFSMITTEL
Es gibt viele externe Hilfsmittel gegen Reisekrankheit: Ingwer, Akupressur-Armbänder oder fermentierte Pflaumen. Diese haben ihre Berechtigung, doch Timo betont die Wichtigkeit der internen Ressourcen. Die Fähigkeit, das eigene Nervensystem über den Atem zu steuern, ist ein Werkzeug, das du immer bei dir trägst – egal ob im Flugzeug, im Auto oder auf einem Expeditionsschiff am Polarkreis.
Die Reisekrankheit muss kein Hindernis mehr sein, deine Träume zu leben. Durch die Kombination aus mentaler Neuausrichtung, Gleichgewichtstraining und der richtigen Atemtechnik kannst du eine Form der „Amnesie“ gegenüber der Übelkeit entwickeln – du vergisst schlichtweg, dass dir früher einmal schlecht geworden wäre.
