Wenn Schulmedizin auf Atemtraining trifft: Ganzheitliche Hilfe bei Asthma & COPD
Mit Prof. Dr. Stephanie Korn
In der modernen Medizin klafft oft eine Lücke zwischen der rein medikamentösen Behandlung und dem praktischen Alltag der Patienten. Wenn die Diagnose Asthma oder COPD gestellt wird, erhalten Betroffene meist ein Rezept und eine kurze Einweisung in das Inhalationsspray. Doch reicht das aus, um wirklich frei durchzuatmen?
In einer neuen Folge des Atempause Podcasts spricht Timo von Restorative Breathing mit einer Koryphäe auf diesem Gebiet: Prof. Dr. Stephanie Korn. Als Leiterin der Asthma-Ambulanz an der Thoraxklinik Heidelberg und Gründerin von „Lungenglück“ verbindet sie wissenschaftliche Spitzenmedizin mit einem ganzheitlichen Coaching-Ansatz. In diesem Artikel erfährst du, warum die Ausatmung der Schlüssel zum Erfolg ist und wie du durch kleine Routinen deine Lebensqualität zurückgewinnst.
Warum das Rezeptbuch bei Lungenkrankheiten nur die halbe Wahrheit ist
„Das Rezept ist oft nicht mal die halbe Wahrheit“, erklärt Prof. Dr. Stephanie Korn im Gespräch mit Timo. In unserem Gesundheitssystem bleibt Fachärzten oft nur wenig Zeit pro Patient – meist nur wenige Minuten. Diese Zeit reicht kaum aus, um die Komplexität einer chronischen Atemwegserkrankung zu verstehen, geschweige denn, den Umgang mit ihr im Alltag zu üben.
Viele Patienten leiden unter einer sogenannten dysfunktionalen Atmung. Das bedeutet, sie haben verlernt, ihr Zwerchfell effektiv zu nutzen oder ruhig und tief zu atmen. Stattdessen atmen sie flach, schnell und oft durch den Mund. Für Betroffene von Asthma und COPD wird die Atmung so zu einem stressbesetzten Kraftakt. Hier setzt Restorative Breathing an: Es geht darum, das Bewusstsein für die eigene Atmung zurückzugewinnen und die biologischen Abläufe im Körper aktiv zu unterstützen.
Dysfunktionale Atmung: Der unsichtbare Stressfaktor
Sowohl bei Gesunden als auch bei Lungenkranken ist die Atmung oft durch äußeren Druck, Stress oder Angst geprägt. Prof. Korn beobachtet oft Patienten, die bereits kurzatmig das Sprechzimmer betreten. Viele sind sich gar nicht bewusst, dass ihr Atemmuster das Problem verschlimmert.
Bei Erkrankungen wie Asthma oder COPD ziehen sich die Bronchien zusammen (Obstruktion). Die natürliche Reaktion darauf ist oft Panik: Man versucht, noch mehr Luft „einzusaugen“. Doch genau hier liegt der Fehler. Wer immer nur einatmet, ohne die verbrauchte Luft vollständig abzugeben, überbläht seine Lunge. Die Folge ist eine noch stärkere Atemnot – eine klassische Abwärtsspirale.
Die unterschätzte Kraft der Ausatmung: Loslassen lernen
Timo betont in seiner Arbeit mit Restorative Breathing immer wieder einen zentralen Punkt: Fokus auf die Ausatmung.
„Erst wenn ich leer bin, kann ich wieder befüllen.“
Besonders für COPD-Patienten ist das essenziell. Da sich in den Lungenbläschen (Alveolen) oft zu viel Kohlendioxid (CO2) ansammelt, muss die Ausatmung aktiv unterstützt werden.
Tipps für den Alltag:
Die Lippenbremse: Ein klassisches Tool der Atemtherapie, um den Atemstrom zu bremsen und die Bronchien offen zu halten.
Schritte-Zählen: Gewöhne dir beim Spaziergang an, zum Beispiel 4 Schritte einzuatmen und 6 oder 8 Schritte bewusst auszuatmen.
Das Gummi-Prinzip: Stell dir vor, die Einatmung ist aktiv (wie das Dehnen eines Gummibands), während die Ausatmung passives Loslassen ist.
Psychophysiologie: Wenn die Angst den Hals zuschnürt
Ein bewegender Moment im Podcast war die Geschichte eines 20-jährigen Patienten mit schwerem Asthma. Seine Eltern fragten Prof. Korn verzweifelt, wie lange ihr Sohn noch zu leben habe. Die Angst des Umfelds und die traumatischen Erfahrungen auf der Intensivstation hatten sich so tief eingebrannt, dass jede kleinste Atemnot sofort in Panik umschlug.
Prof. Korn konnte die Situation durch ein einziges Gespräch drehen: Sie gab dem Patienten die Zuversicht zurück, dass er 100 Jahre alt werden kann. Ein Jahr später war der junge Mann ohne eine einzige schwere Verschlechterung stabil.
Dieses Beispiel zeigt, wie eng Psyche und Physis verknüpft sind. Angst führt zu Fluchtatmung, Fluchtatmung führt zu Enge in den Bronchien, und die Enge führt zu noch mehr Angst. Diesen Kreislauf zu durchbrechen, ist ein Hauptziel der ganzheitlichen Arbeit.
Kleine Schritte zu großer Lebensqualität
Oft wird geglaubt, man müsse stundenlange Sessions absolvieren, um eine Veränderung zu bewirken. Doch Prof. Korn und Timo sind sich einig: Es sind die kleinen Meilensteine, die zählen.
Eine Patientin erzählte Prof. Korn, dass sie aufgrund ihres Asthmas Windeln tragen musste, weil sie den Weg von der Couch zur Toilette vor Atemnot nicht rechtzeitig schaffte. Durch die Kombination aus richtiger Medikation und gezielten Atemübungen erreichte sie das Ziel: Die Windeln konnten weg. Für Außenstehende mag das klein klingen, für die Betroffene bedeutete es die Rückkehr zur menschlichen Würde und Freiheit.
Fazit: Werde selbst aktiv für deine Lungenfunktion
Die Schulmedizin liefert die Basis – die Medikamente, die Entzündungen hemmen und Bronchien erweitern. Doch die Restorative Breathing Methode liefert das Werkzeug für den Alltag. Es geht um Selbstwirksamkeit.
Wenn du lernst, dein Nervensystem über die Atmung zu regulieren, nimmst du der Krankheit die Macht über deinen Alltag. Eine kurze 10-Minuten-Session pro Tag kann bereits ausreichen, um den Körper aus dem Stressmodus (Sympathikus) in den Regenerationsmodus (Parasympathikus) zu führen.
Drei Fragen, die du dir heute stellen kannst:
In welchen Alltagssituationen fühle ich mich durch meine Atmung eingeschränkt?
Atme ich im Ruhezustand durch die Nase oder durch den Mund?
Kann ich heute beim Gehen versuchen, meine Ausatmung ganz bewusst zu verlängern?
Die Brücke zwischen Klinik und Couch ist gebaut – nun liegt es an dir, den ersten Schritt zu gehen.
