KRAFTTRAINING & REGENERATION: WARUM ECHTER STRESS DIE BASIS FÜR DEINE ERHOLUNG IST
Interview mit Andi und Chris von MTMT
In der aktuellen Folge meines Podcasts „Atempause“ spreche ich mit Andi und Chris von MTMT über die oft missverstandene Verbindung zwischen hartem Training, Biomechanik und dem Wunderwerk der Atmung. Nachdem wir im ersten Teil geklärt haben, wie die Atmung unsere Haltung beeinflusst, gehen wir nun ans Eingemachte: Wie finden wir in einer überreizten Welt zurück zur echten Regeneration? Als Gründer von Restorative Breathing ist es mir ein Anliegen zu zeigen, dass wir oft weniger „Hacks“ und mehr Rückbesinnung auf das Wesentliche brauchen.
DIE BEWEGUNGSSTRATEGIE ALS SPIEGEL DEINES SKELETTSYSTEMS
Wenn wir uns im Krafttraining bewegen, sei es bei einer Kniebeuge oder beim Kreuzheben, nutzt unser Körper spezifische Strategien. Andi erklärt, dass die Art und Weise, wie wir Gewicht bewegen, Aufschluss über unsere knöcherne Struktur gibt. Eine Kniebeuge erfordert eher vertikale Bewegungen des Beckens, während das Kreuzheben durch eine horizontale Verschiebung geprägt ist.
Wer, wie Andi früher, in einem permanenten Zustand der Extension (Hohlkreuz/vorgeschobener Brustkorb) feststeckt, zwingt seinen Körper in Positionen, die biomechanisch nicht mehr neutral sind. Die Folge? Degenerativer Verschleißund Schmerzen. Erst durch das Verständnis von Restorative Breathing und die Fähigkeit, wieder voll auszuatmen, erlangt das System seine Neutralität zurück – auch unter schwerer Belastung.
REGENERATION ERFORDERT ECHTEN PHYSISCHEN STRESS
Ein kontroverser, aber brillanter Punkt im Gespräch: Bevor ein Mensch überhaupt regenerieren kann, muss er sich erst einmal ordentlich stressen. In unserer modernen Welt sind wir zwar ständig mental gestresst, aber physisch unterfordert. Wir sehen überall „Säbelzahntiger“ in Form von E-Mails oder Verkehrsstau, doch der echte, ursprüngliche physische Stress fehlt.
Die Experten von MTMT plädieren dafür, das Training wieder als den größten Stressor des Tages zu etablieren. Früher rannten wir Mammuts hinterher – heute lassen wir uns vom E-Scooter fahren. Wer seinen Körper im Gym kontrolliertem, intensivem Stress aussetzt, befähigt sein Nervensystem erst dazu, danach in den regenerativen Zustand zu wechseln. Recovery ist heute ein Modewort geworden, doch viele Menschen „packen sich zu sehr in Watte“, anstatt erst einmal die notwendige Aktivität zu zeigen, die eine Erholung überhaupt rechtfertigt.
DER MYTHOS DER RECOVERY-HACKS: WENIGER IST MEHR
Wir leben in einer Zeit, in der alles optimiert werden soll. Eisbäder, Infrarotsaunen, Nahrungsergänzungsmittel und dutzende Biohacking-Tools suggerieren uns, dass wir noch mehr tun müssen, um uns zu entspannen. Doch wie ich auch im Gespräch mit einem buddhistischen Mönch gelernt habe: Das Problem ist oft, dass wir immer mehr wollen.
Wahre Regeneration beginnt beim Weglassen (Downsizing). Wir brauchen keinen Espresso-Verzicht kombiniert mit 30 Minuten Meditation und Kälteschock, wenn wir die Basics nicht beherrschen. Die wichtigste Entscheidung für deine Erholung ist oft nicht das nächste Gadget, sondern schlichtweg die Entscheidung, nach der zweiten Folge der Lieblingsserie ins Bett zu gehen, anstatt nach der achten.
ANTIFRAGILITÄT UND SELBSTVERANTWORTUNG
Andi betont das Konzept der Antifragilität. Wir sind robuste, selbstwirksame Wesen. Die Heilung vieler Probleme liegt in uns selbst, wenn wir den Mut aufbringen, den Fokus von der Außenwelt auf uns selbst zu richten. Krafttraining ist dabei nur ein Mittel zum Zweck. Es geht nicht nur darum, schwere Gewichte zu heben, sondern durch die körperliche Erfahrung eine Guidance für ein besseres Leben zu erhalten.
Die Ausatmung spielt hierbei eine fast philosophische Rolle:
Physisch: Sie bringt das Zwerchfell in eine bessere Arbeitsposition.
Mental: Sie ist das Loslassen von Erwartungen und dem Druck, alles sein zu müssen.
Biologisch: Sie aktiviert den Parasympathikus und signalisiert dem System Sicherheit.
DAS SYSTEM ALS GANZES SEHEN: WEG VOM ISOLIERTEN DENKEN
Chris warnt davor, sich zu sehr in Details zu verlieren. Wir sollten nicht versuchen, einzelne Muskeln wie den Beckenboden oder die Atemhilfsmuskulatur isoliert zu „hacken“. Der menschliche Körper ist ein hochkomplexes, sich selbst regulierendes System. Wenn wir dem Körper durch korrektes Training und bewusste Atmung die richtige Umgebung und Position bieten, organisiert er sich von selbst.
Dieses „Verkopfte“, das Suchen nach dem einen speziellen Muskel, den man aktivieren muss, führt oft am Ziel vorbei. Ein globales Verständnis der Biomechanik – wie Brustkorb, Becken und Wirbelsäule interagieren – ist weitaus wertvoller als jede isolierte Übung.
DIE NATÜRLICHE ATMUNG ALS ANKER IM ALLTAG
Zum Ende des Gesprächs wird klar: Der Weg zurück zum „Normalmodus“ führt über die Rückkehr zur natürlichen Atmung. Es geht darum, dem System die Möglichkeit zu geben, sich wieder selbst zu regulieren. Ob im Profisport oder im Alltag der „General Population“ – die Prinzipien bleiben gleich.
Timo fasst zusammen: Wir müssen raus aus der ständigen Kompensation. Wenn wir weniger Dinge gleichzeitig machen, diese aber mit voller Präsenz und korrekter Atmung, kommen wir uns selbst wieder näher – physisch wie mental.
FAZIT FÜR DEIN TRAINING
Atme aus: Lerne, die Luft vollständig entweichen zu lassen, um Platz für Neues zu schaffen.
Stress dich richtig: Nutze das Krafttraining für echten physischen Stress, damit dein Körper weiß, wann es Zeit für Recovery ist.
Position vor Funktion: Achte darauf, dass dein Skelett in einer neutralen Lage ist, bevor du Last hinzufügst.
Vertraue deinem System: Gib deinem Körper die richtigen Reize und lass ihn den Rest erledigen.
Wenn du mehr über die Philosophie von MTMT erfahren willst, hör unbedingt in ihren Podcast rein oder besuch sie in München. Und vergiss nicht: Deine nächste Atempause beginnt mit einer tiefen Ausatmung.
