Das befreite Gehirn
Wie du das ADHS / AuDHD- Chaos aus dem Kopf durch Atmung beruhigst
Es ist ein Zustand, den Millionen neurodivergenter Menschen nur zu gut kennen: Der Körper
fühlt sich bleischwer und erschöpft an, während das Gehirn gleichzeitig einen hyperaktiven
Marathon rennt. Es fühlt sich an, als hättest du einen Internet-Browser mit über 100 geöffneten
Tabs im Kopf – und in dreien davon läuft laute Musik, ohne dass du weißt, wo du sie
ausschalten kannst. Das Resultat? Eine totale Blockade, oft fälschlicherweise als mangelnde
Disziplin abgetan.
Wenn du in einer solchen Situation stundenlang wie eingefroren auf den Bildschirm starrst, obwohl die To-Do-
Liste überquillt, leidest du nicht unter Faulheit. Was du durchmachst, ist eine **reine, messbare
neurobiologische Reaktion**. In der neuesten Folge des Atem Pause Podcasts werfen wir einen
wissenschaftlich fundierten Blick auf die Schnittstelle zwischen ADHS, dem Autismus-Spektrum (**AuDHD**)
und unserem Nervensystem. Noch wichtiger: Wir entschlüsseln, wie du diesen Zustand über ein gezieltes
Atemmuster organisch auflösen kannst.
DIE BIOLOGIE DES REIZ-OVERFLOWS: WARUM DEIN INTERNER FILTER KLEMMT
Lange Zeit galt in der klassischen Medizin die Annahme, dass ADHS und Autismus sich gegenseitig
ausschließen. Moderne epidemiologische Studien zeichnen ein völlig anderes Bild: Bis zu 50 % aller
autistischen Menschen zeigen ADHS-Symptome, während bis zu 80 % der Menschen mit ADHS
autistische Merkmale aufweisen. Diese neurodivergente Kombination (AuDHD) gleicht einem permanenten
inneren Zerreißprozess. Während dein autistischer Anteil nach absoluter Vorhersehbarkeit, Struktur und
sensorischer Ruhe verlangt, schreit die ADHS-Komponente zeitgleich nach Neuheit, Abwechslung und einer
massiven Dopaminausschüttung. Es ist das neurologische Äquivalent dazu, im Auto gleichzeitig Vollgas zu
geben und die Handbremse anzuziehen.
Die Ursache für das daraus resultierende mentale Chaos liegt tief in unserer Gehirnanatomie. Basierend auf
den neurobiologischen Modellen von Neuhaus und den Filtertheorien von Lachenmeyer zeigt sich, dass im
neurodivergenten Gehirn eine Fehlfunktion im Thalamus vorliegt. Der Thalamus fungiert als der
Türsteher unseres Bewusstseins. Bei neurotypischen Menschen filtert er unwichtige Umweltreize
automatisch heraus. Bei ADHS und AuDHD ist dieser Türsteher permanent im Dauerurlaub. Jedes summen
einer Lampe, jedes Hintergrundgeräusch und jede visuelle Ablenkung prasseln ungefiltert auf den Cortex ein.
Das Gehirn läuft permanent heiß, was im schlimmsten Fall zu einem vollständigen Systemabsturz – dem
sogenannten Meltdown oder Shutdown – führt.
VOM MASKING IN DEN FREEZE: DIE STRATEGIE DER SELBSTZERSTÖRUNG
Um in einer lauten, auf neurotypische Menschen ausgerichteten Welt überhaupt zu funktionieren, entwickeln
Betroffene oft unbewusst tiefgreifende Anpassungsmechanismen. In der Psychologie spricht man vom
sogenannten Masking. Dieses künstliche Unterdrücken der eigenen neurologischen Rhythmen ist jedoch
extrem kostspielig. Wer jeden Tag eine Maske trägt, nimmt einen massiven neurologischen Kredit auf.
Wird dieser Kredit überzogen, folgt das autistische Burnout – ein Zustand, in dem selbst alltäglichste Reize
physisch unerträglich werden.
Doch warum reagiert das Gehirn in dieser Überlastungsphase mit einem totalen Freeze, statt das Problem
einfach pragmatisch zu lösen? Eine bahnbrechende Studie von Lenos und Kollegen (2012) liefert die Antwort:
Chronischer, unkontrollierbarer Stress polt unser internes Belohnungssystem organisch um. Das
Stresshormon CRH (Corticotropin-Releasing-Hormon), welches im Nucleus accumbens normalerweise
Dopamin freisetzt und uns zur Problemlösung motiviert, verliert unter Dauerstress diese Funktion. Die
Reaktion kippt radikal von Motivation um in Richtung Vermeidung und Lähmung. Dein Gehirn interpretiert
die allostatische Überlastung als akute Lebensgefahr und schaltet das System zum Eigenschutz ab. Du bist
im Freeze-Modus gefangen.
DER BIOCHEMISCHE TEUFELSKREIS IM GEHIRN
Chronischer Stress → Ausschüttung von CRH → Blockade des Belohnungszentrums (Nucleus accumbens)
→ Umpolung von Motivation auf Vermeidung → Reflexartiger Freeze-Zustand (Lähmung).
DIE UNSICHTBARE ATEMFALLE: WIE DER BOHR-EFFEKT DEN HEADSPACE BLOCKIERT
Wenn das Gehirn im Reiz-Overflow feststeckt, passiert auf körperlicher Ebene etwas Fatales: Unser
Atemmuster entgleist. Unbewusst verlassen wir die gesunde, nasale Zwerchfellatmung und verfallen in eine
flache, hochfrequente Brust- und Mundatmung. Wir beginnen akut zu hyperventilieren. Biochemisch
gesehen führt dies dazu, dass wir exzessiv Kohlenstoffdioxid (CO2) abatmen. Die Folge ist eine chronische Hypokapnie, bei welcher der arterielle CO2-Partialdruck unter den physiologischen Grenzwert von 35
mmHg sinkt.
In der Atemphysiologie ist Kohlendioxid jedoch kein Abfallprodukt, sondern der essentielle Schlüssel für die
Sauerstofffreisetzung. Sinkt das CO2 im Blut, steigt der pH-Wert – das Blut wird alkalisch. Dies aktiviert den
sogenannten Bohr-Effekt: Das Transportprotein Hämoglobin klammert sich aufgrund des veränderten pH-
Werts extrem fest an die Sauerstoffmoleküle und gibt sie nicht mehr an das Gewebe ab. Obwohl dein Blut zu
99 % mit Sauerstoff gesättigt ist, kommt in den Gehirnzellen nichts davon an! Es entsteht eine paradoxe Gewebehypoxie. Gleichzeitig verengen sich die Blutgefäße im Kopf um bis zu 40 %. Der besonders
betroffene präfrontale Cortex verliert die Kontrollfähigkeit. Schwindel, POTS-Symptome und der klassische Brainfog sind die rein organischen Folgen dieses chemischen Ungleichgewichts.
SLOW PACE BREATHING: DIE PHYSIOLOGISCHE VAGUS- FERNBEDIENUNG
Um das Chaos im Kopf nachhaltig zu beruhigen, müssen wir die biochemische Kaskade an ihrer Wurzel
reparieren. Die Wissenschaft zeigt uns hierzu einen genialen Hack: Wie Kevin Yackle und sein Team 2014 in
einer im Journal Science veröffentlichten Studie nachweisen konnten, existiert eine direkte neuronale
Verbindung zwischen unserem Atemzentrum und dem emotionalen Kontrollzentrum im Gehirn. Im Hirnstamm
(dem Pre-Bötzinger-Komplex) sitzen Rezeptoren, die bei schneller, flacher Atmung sofort Alarmsignale in
den Locus caeruleus senden – die primäre Noradrenalinfabrik des Gehirns. Die Folge sind sofortige
Hypervigilanz und Panik.
Durch den gezielten Einsatz von Slow Pace Breathing – also einer bewussten, extrem verlangsamten
Atmung über die Nase mit verlängerter Ausatmung – wird diese Signalkette augenblicklich unterbrochen. Die
gezielte Atemreduktion sorgt dafür, dass sich der lebenswichtige CO2-Spiegel im Blut wieder aufbaut. Nach
den Gesetzen des Bohr-Effekts entspannt sich das Hämoglobin, die verengten Blutgefäße öffnen sich wieder
um bis zu 40 % und das Gehirn wird schlagartig wieder optimal mit Sauerstoff versorgt. Gleichzeitig stimuliert
die verlängerte Ausatmung den Vagusnerv, schüttet Acetylcholin aus und senkt die Herzfrequenz. Du
nutzt deine Atmung als biologisches Bio-Feedback-System, um den Türsteher-Filter im Thalamus eigenhändig
wieder hochzufahren. Du erlangst die Fähigkeit zurück, zu agieren statt nur impulsiv zu reagieren.
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Einem überlasteten AuDHD-Gehirn einfach nur zu sagen „Atme mal tief durch“, verschlimmert das
Problem durch den Bohr-Effekt meist nur. Es braucht fundiertes, biochemisches Fachwissen. Am 31.
August startet unser komplett neu konzipiertes, berufsbegleitendes 8-Wochen-Programm zum
Restorative Breathing Breathwork Coach. Lerne, wie du das Nervensystem über die Biochemie der
Atmung gezielt regulierst.
Das Ziel von Restorative Breathing ist es nicht, dich in einen tiefenentspannten Zen-Mönch zu verwandeln.
Dein neurodivergentes Gehirn ist genau richtig so, wie es ist – es ist die Quelle deiner enormen
Assoziationsfähigkeit, deiner Innovationskraft und deines genialen Hyperfokus. Ziel ist es vielmehr, dir die volle Flexibilität zurückzugeben. Wenn das System das nächste Mal in den Overflow geht, kennst du das
biologische Protokoll: Mund zu, Atemfrequenz drosseln, CO2 aufbauen und das Gehirn befreien.
