Atemtechniken für Kinder
Interview mit Priska Retter
In einer Welt, die immer schneller wird, stehen nicht nur wir Erwachsene unter Strom. Auch unsere Kinder sind zunehmend mit Reizüberflutung, Medienkonsum und einem hektischen Alltag konfrontiert. Doch wie können wir den Kleinsten helfen, wieder in ihre Mitte zu finden? In der neuesten Folge des „Atempause“-Podcasts spricht Timo mit Priska Retter, einer Expertin für Elementarpädagogik und RB Breathwork Master Coach.
Priska teilt faszinierende Einblicke darüber, wie bewusstes Atmen – vom einfachen Summen bis hin zu kreativen Atemspielen – Kindern hilft, Emotionen zu regulieren und Stress abzubauen.
Der persönliche Weg zur Atmung: Von Leistungssport zu Restorative Breathing
Bevor Priska ihr Wissen an Kinder und Pädagogen weitergab, entdeckte sie die Kraft des Atems für sich selbst. Ursprünglich aus dem Leistungssport und dem Eisschwimmen kommend, lernte sie früh, wie wichtig die Sauerstoffversorgung für die Performance ist. Doch erst durch die intensive Arbeit mit Timo und die Ausbildung im Bereich Restorative Breathing verstand sie die tiefere regenerative Komponente.
Besonders die „Aha-Momente“ durch langsames Atmen, verlängerte Ausatmung und bewusste Atempausen (Apnoe) veränderten ihre eigene Praxis. Priska betont, dass gerade in stressigen Lebensphasen die Atmung das zentrale Werkzeug ist, um das System wieder zu regulieren. Ein besonderes Highlight ihrer Ausbildung war eine hochfrequente Atemsession kurz nach einer Zahn-Operation. Trotz der körperlichen Intensität blieb sie durch bewusste Steuerung mental entspannt – eine Erfahrung, die zeigt, wie sehr wir über den Atem unseren Zustand kontrollieren können.
Warum Kinder heute bewusste Atempausen brauchen
Früher war der Kindergarten oft ein Ort der Ruhe, bevor das soziale Miteinander startete. Heute beobachtet Priska das Gegenteil: „Die Kinder kommen oft schon überreizt in die Gruppe. Sie haben bereits Hektik oder Medienkonsum hinter sich und brauchen erst einmal Zeit, um überhaupt anzukommen.“
Hier setzt die Arbeit mit Restorative Breathing an. Es geht nicht darum, den Kindern starre Techniken aufzudrücken, sondern ihnen durch „kreatives Nichtstun“ und spielerische Übungen den Raum zu geben, ihr Nervensystem herunterzufahren.
3 Praktische Atemübungen für Kinder (und Eltern)
Priska nutzt in ihrer täglichen Arbeit intuitive Ansätze, die Spaß machen und gleichzeitig tiefgreifend wirken. Hier sind drei Methoden, die du direkt zu Hause oder in der Gruppe ausprobieren kannst:
1. Die Schneeballschlacht mit Wattebällchen
Diese Übung fördert die Mundmotorik und die gezielte Ausatmung.
So geht’s: Lege Wattebällchen auf einen Tisch. Die Kinder sitzen sich gegenüber und versuchen, die „Schneebälle“ nur durch Pusten auf die Seite des anderen zu befördern.
Effekt: Die Kinder lernen spielerisch, ihre Ausatmung zu kontrollieren und zu verlängern, was unmittelbar beruhigend auf das Nervensystem wirkt.
2. Der Heißluftballon
Eine wunderbare Übung für die Verbindung von Atmung und Bewegung.
So geht’s: Die Kinder atmen tief ein und stellen sich vor, wie sie heißes Gas in einen Ballon füllen. Dabei machen sie sich ganz groß und steigen auf die Zehenspitzen. Oben halten sie kurz die Luft an – sie sind schwerelos. Beim Landen atmen sie lange und geräuschvoll aus.
Effekt: Die Kombination aus tiefer Einatmung und bewusster Atempause schult die Körperwahrnehmung.
3. Das Summen und Brummen (Vagus-Nerv-Aktivierung)
Priskas persönlicher „Anker“ seit ihrer eigenen Kindheit.
So geht’s: Einfaches Summen beim Malen, Gehen oder in Stresssituationen.
Effekt: Durch die Vibration im Brustkorb und Rachen wird der Vagus-Nerv stimuliert. Zudem verlängert Summen automatisch die Ausatmung und setzt Stickstoffmonoxid frei, was die Sauerstoffaufnahme verbessert und den Geist beruhigt.
Emotionale Regulation: Wut und Energie gesund entladen
Ein großes Thema in der Pädagogik ist der Umgang mit starken Emotionen wie Wut oder Zorn. Priska erklärt, dass diese Gefühle oft „nicht gesellschaftstauglich“ sind, aber dennoch einen sicheren Raum zur Entladung brauchen. Statt die Wut zu unterdrücken, lehrt sie Übungen aus dem Restorative Breathing-Kontext:
Die Holzhacker-Übung
Ablauf: Breitbeinig hinstellen, eine imaginäre Axt über den Kopf führen und tief in den Bauch einatmen. Mit einem lautstarken „HÄ!“ die Axt nach unten schwingen und die Luft explosionsartig ausstoßen.
Hintergrund: Dies ist eine kindgerechte Form der Kapalabhati-Atmung. Die Kraft kommt aus dem Bauchzentrum und hilft, angestaute Energie körperlich loszulassen.
Das Löwen-Brüllen
Ablauf: Vom kleinen Babylöwen bis zum großen Papa-Löwen steigern die Kinder die Intensität. Zunge raus, Augen weit und ein befreiendes Brüllen im vorgegebenen Rahmen (Start- und Stopp-Zeichen durch den Erwachsenen).
Nutzen: Es hilft Kindern, die sich „eng“ fühlen, ihren Raum wieder einzunehmen und Spannungen im Kiefer und Hals zu lösen.
Tipps für Eltern: Co-Regulation ist der Schlüssel
Auf Timos Frage, was Eltern tun können, wenn das Kind überdreht ist, hat Priska einen klaren Rat: Ausstreichen und Berührung. Kombiniere die Atmung mit körperlichem Kontakt. Man kann sich beispielsweise vorstellen, man streife nassen Schnee vom Körper ab – von Kopf bis Fuß. „Kinder im Wachstum brauchen oft die körperliche Begrenzung, um zu wissen, wo sie anfangen und wo sie aufhören“, erklärt Priska.
Wichtig ist auch die Vorbildfunktion. Wenn wir als Eltern unsere eigenen Atem-Rituale (wie eine Morgenroutine) leben, nehmen Kinder das wahr. Selbst wenn sie nicht aktiv mitmachen, integrieren sie das Bewusstsein für den Atem in ihr Weltbild.
Fazit: Atmen als Lebenskompetenz
Die Arbeit von Priska Retter zeigt, dass Restorative Breathing weit mehr ist als eine Entspannungstechnik für Erwachsene. Es ist ein essentielles Werkzeug für die nächste Generation, um in einer reizüberfluteten Welt gesund und resilient zu bleiben. Ob durch Summen, spielerisches Pusten oder kraftvolles „Holzhacken“ – der Atem bietet Kindern einen Anker, den sie immer bei sich tragen.
Priska gibt ihr Wissen heute primär an der Pädagogischen Hochschule in Innsbruck weiter, um Lehrer und Erzieher darin zu schulen, die Atmung fest im Bildungsalltag zu verankern. Denn ein Kind, das gelernt hat, sich selbst über den Atem zu regulieren, startet mit einer enormen Superkraft ins Leben.
