#161 – ME, PostCovid, PostVac und Fatigue-Syndrom mit Dr. Corinna Gayer

Atempause Podcast Cover mit Timo Niessner
In dieser Folge spreche ich mit unserer RB® Master Breathwork Coach Dr. Corinna Mandler über ME, PostCovid, PostVac und Fatigue-Syndrom.
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ME, PostCovid, PostVac und Fatigue-Syndrom

INTERVIEW MIR DR. CORINNA MANDLER-GAYER

In der aktuellen Folge des Atempause-Podcasts begrüßt Timo einen Gast mit außergewöhnlicher Expertise: Dr. Corinna Gayer. Corinna hat sich nach ihrer Ausbildung im Bereich Restorative Breathing intensiv mit der wissenschaftlichen Datenlage zu chronischen Erschöpfungskrankheiten auseinandergesetzt. Gemeinsam beleuchten sie die oft missverstandenen Krankheitsbilder ME/CFS, Post-Covid und das Post-Vac-Syndrom. Dabei wird schnell klar: Die Art und Weise, wie wir atmen, ist weit mehr als nur ein Gasaustausch – sie ist ein direkter Draht zu unserem

DIE DEFINITION VON ME, POST-COVID UND DEM FATIGUE-SYNDROM

Bevor man über Lösungen sprechen kann, muss man die Komplexität der Krankheitsbilder verstehen. Corinna erklärt, dass Begriffe wie das Chronische Fatigue Syndrom (CFS) oft in die Irre führen, da sie die Erkrankung auf eine bloße Müdigkeit reduzieren. Fachlich korrekter ist die Bezeichnung Myalgische Enzephalomyolitis (ME). Ein treffenderer Ausdruck aus dem angloamerikanischen Raum ist SEID (Systemic Exertion Intolerance Disease) – die systemische Anstrengungsintoleranz-Erkrankung.

Post-Covid wird diagnostiziert, wenn Symptome nach einer Corona-Infektion länger als drei Monate anhalten. In vielen Fällen mündet ein schwerer Verlauf von Post-Covid direkt in das Krankheitsbild der ME, welche von Experten wie Professor Scheibenbogen (Charité Berlin) als die schwerste Form von Post-Covid eingestuft wird. Es handelt sich hierbei um eine multisystemische, neuroimmunologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen radikal einschränkt. Rund 60 % der Erkrankten sind nicht mehr arbeitsfähig, was die enorme Tragweite unterstreicht.

 

DAS KARDINALSYMPTOM: POST-EXERTIONELLE MALAISE (PEM)

Das entscheidende Merkmal, das ME/CFS von einer herkömmlichen Erschöpfung oder einem Burnout unterscheidet, ist die Post-Exertionelle Malaise (PEM).

  • Was ist PEM? Es ist eine massive Zustandsverschlechterung nach minimaler Anstrengung.

  • Kein reiner Sport-Effekt: Anstrengung bedeutet hier nicht nur körperliche Bewegung. Auch kognitive Reize(Lesen, Bildschirmzeit), emotionale Belastungen oder sensorische Reize (Licht, Lärm) können einen “Crash” auslösen.

  • Die Zeitverzögerung: Oft tritt die Verschlechterung erst 24 bis 72 Stunden nach der Belastung auf, was die Steuerung des Alltags extrem erschwert.

Für Betroffene ist es essenziell, dieses Symptom zu erkennen, um nicht in die Spirale der ständigen Überforderung zu geraten. Hier setzt das Coaching von Corinna an, das die funktionale Atmung nutzt, um den Körper wieder in die Homöostase zu führen.

 

DIE ROLLE DES AUTONOMEN NERVENSYSTEMS UND DER ÜBERAKTIVE SYMPATHIKUS

Ein zentraler Aspekt bei ME und Post-Covid ist die sogenannte Dysautonomie – eine Fehlregulation des autonomen Nervensystems. Unser Nervensystem ist unterteilt in den Sympathikus (Kampf oder Flucht) und den Parasympathikus(Ruhe und Verdauung).

Bei chronisch Erkrankten beobachten wir eine permanente Dominanz des Sympathikus. Der Körper befindet sich in einem dauerhaften Alarmzustand. Viele Patienten beschreiben das Gefühl, “müde, aber aufgeputscht” zu sein (Tired but Wired). Messwerte wie eine niedrige Herzfrequenzvariabilität (HRV) und ein erhöhter Ruhepuls bestätigen wissenschaftlich, dass der Körper die Fähigkeit zur Selbstregulation verloren hat.

 

CHRONISCHE HYPERVENTILATION: WARUM WIR "ZU VIEL" ATMEN

Ein bahnbrechender Punkt im Gespräch zwischen Timo und Corinna ist der Zusammenhang mit der chronischen Hyperventilation. Viele Menschen atmen unbewusst zu schnell, zu flach und durch den Mund.

Bei der akuten Hyperventilation sinkt der CO2-Partialdruck im Blut rapide. Dies führt zu einer Vasokonstriktion(Gefäßverengung) und dem bekannten Bohr-Effekt: Sauerstoff wird so fest an das Hämoglobin gebunden, dass er nicht mehr effizient an das Gewebe abgegeben werden kann. Bei der chronischen Hyperventilation gewöhnt sich der Körper an diesen Zustand. Die Niere scheidet vermehrt Bicarbonat aus, um den pH-Wert des Blutes stabil zu halten. Dieser Bicarbonat-Puffer benötigt jedoch Stunden bis Tage, um sich aufzubauen – und ebenso lange, um sich wieder abzubauen.

Das Ergebnis ist eine Sauerstoffminderversorgung der Zellen. Trotz hoher Sättigung im Blut kommt in den Mitochondrien – den Kraftwerken der Zellen – nicht genug an. Die Folge ist ein massiver Energiemangel (ATP-Defizit), der sich in Fatigue und Muskelschwäche äußert.

WHAT’S NOT: WARUM HOCHFREQUENTES BREATHWORK GEFÄHRLICH SEIN KANN

In der modernen Breathwork-Szene boomen Techniken, die auf hochfrequenter Atmung basieren. Für gesunde Menschen kann dies ein kraftvolles Tool sein – für Menschen mit ME, Post-Covid oder Post-Vac ist es jedoch oft kontraproduktiv.

  • Das Risiko: Hochfrequentes Atmen pusht den Sympathikus noch weiter.

  • Die Gefahr von PEM: Da bei Betroffenen ohnehin eine Gefäßverengung vorliegt, kann die forcierte Überatmung einen massiven Sauerstoffmangel auslösen, der zeitversetzt zu einem schweren Crash führt.

  • Säure-Sensitivität: Wenn das CO2-Level durch forcierte Atmung radikal schwankt, schlagen die Säuresensitiven Ionenkanäle im Gehirn Alarm und lösen Panikattacken aus, da das stabile (wenn auch pathologische) Gleichgewicht gestört wird.

 

WHAT’S HOT: DIE LÖSUNG DURCH RESTORATIVE BREATHING

Der Weg zur Stabilisierung führt über die funktionale Atmung und das so genannte Pacing. Das Ziel ist es, die Sauerstoffversorgung des Gewebes ganz behutsam wieder zu verbessern, ohne das System zu überlasten.

 

SCHRITT-FÜR-SCHRITT ZUR REGENERATION

Anstatt das System zu fluten, setzt Corinna auf kleinschrittige Interventionen:

  1. Verlängerte Ausatmung: Einatmen auf 4, Ausatmen auf 6 (langsam steigern auf 8). Dies aktiviert den Vagusnerv.

  2. Lippenbremse: Durch fast geschlossene Lippen ausatmen. Dies sorgt für eine sanfte Zwerchfellaktivierung und wirkt der Hyperinflation der Lunge entgegen.

  3. Nasenatmung: Die Umstellung auf reine Nasenatmung verbessert die Stickoxid-Produktion und erhöht den Atemwiderstand.

  4. Sanfte Biomechanik: Dehnungen der Atemhilfsmuskulatur im Liegen helfen, den Atemantrieb zu normalisieren.

DIE BIOMECHANIK: DAS FASZINIERENDE CURARE-EXPERIMENT

Corinna teilt ein spannendes wissenschaftliches Beispiel: das Curare-Experiment. Es zeigt, dass der Atemantrieb nicht nur chemisch (durch CO2) gesteuert wird, sondern massiv von der Atemmuskulatur abhängt. Probanden, deren Muskeln durch das Gift Curare gelähmt waren, verspürten trotz steigender CO2-Werte keinen Atemreiz. Das beweist: Ein funktionierendes, entspanntes Zwerchfell ist essentiell für die Kommunikation zwischen Körper und Gehirn. Bei ME-Patienten ist diese Biomechanik oft durch Stress und Hochatmung blockiert.

INDIVIDUELLE BEGLEITUNG STATT PAUSCHALREZEPTE

Abschließend betont Corinna, dass es kein “One-Size-Fits-All”-Rezept gibt. Jede Person hat unterschiedliche Schwerpunkte – sei es Schwindel, Brainfog oder Pots (Posturales Orthostatisches Tachykardiesyndrom).

Restorative Breathing ist kein magisches Heilungsversprechen, sondern ein essentielles Blütenblatt am Baum der Genesung. Es hilft dabei, die restaurativen Prozesse im Körper zu unterstützen und den Weg zurück in die Selbstregulation zu finden. Im 1-zu-1 Setting kann eine genaue Anamnese sicherstellen, dass die Übungen exakt an die Belastungsgrenze des Patienten angepasst werden.

DEIN WEG ZU MEHR ATEMKOMPETENZ

Wenn du tiefer in diese Themen eintauchen möchtest oder selbst als Coach Menschen mit chronischen Erschöpfungssyndromen begleiten willst, ist fundiertes Wissen unerlässlich. Die Ausbildung bei Timo bietet dir die wissenschaftliche Basis, um Atmung als therapeutisches Werkzeug sicher einzusetzen.

Bring deine Atmung auf ein neues Level im wöchentlichen Atempause-Atemtraining oder mit dem kostenlosen 7-Tage-Atemjournal
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