POLYAMORIE & MENTALE ASPEKTE:
EIN BLICK HINTER DIE KULISSEN DER HAPPYPOLYFAMILY
Herzlich willkommen zu einer ganz besonderen Ausgabe des Atempause Podcasts! Ich bin Timo, und heute tauchen wir in ein Thema ein, das oft missverstanden wird, aber unglaublich viel über menschliche Verbindungen, Selbstreflexionund mentale Stärke lehrt: Polyamorie. Gemeinsam mit Julia von der „HappyPolyFamily“ werfen wir einen Blick darauf, wie es sich anfühlt, in einer Konstellation aus drei Frauen und vier Kindern zu leben – und warum der Weg nach innen der Schlüssel zu einem erfüllten Leben ist.
EIN UNGEWÖHNLICHES FAMILIENMODELL: DREI FRAUEN, VIER KINDER
Julia lebt im Rhein-Neckar-Kreis in einer sogenannten Poly-Konstellation. Sie ist mit Vivian verheiratet und führt gleichzeitig eine romantische Beziehung mit Elena. Während Julia beide Frauen liebt, verbindet Vivian und Elena eine tiefe freundschaftlich-familiäre Basis. Zusammen ziehen sie vier Kinder groß.
Oft wird Julia gefragt: „Wie funktioniert das biologisch?“ Die Antwort ist simpel: Ein biologischer Vater ist natürlich involviert, sei es aus einer früheren Ehe oder durch private Samenspende. Doch im Alltag sind es die drei Frauen, die das Familienleben stemmen. Der große Vorteil? Ein Erwachsener mehr bedeutet mehr Care-Arbeit, ein zusätzliches Einkommen und schlichtweg eine helfende Hand mehr im Trubel des Alltags. Dennoch ist der Weg in unserer Gesellschaft oft steinig, da das Rechtssystem nach wie vor stark auf die Heteronormativität (Vater-Mutter-Kind) fixiert ist.
DER KAMPF UM SICHTBARKEIT UND AKZEPTANZ
Warum geht die HappyPolyFamily so offensiv an die Öffentlichkeit? Weil Polyamorie in Deutschland rechtlich und gesellschaftlich noch immer ein Schattendasein führt. Ob es die Adoption des eigenen Kindes durch die Partnerin ist oder die einfache Familienkarte im Schwimmbad, die nur für zwei Erwachsene gilt – die Hürden sind real.
Julia berichtet, dass sie im realen Leben oft als „Frauen-WG“ wahrgenommen werden. Der eigentliche Gegenwind weht ihnen online entgegen. Hier begegnen ihnen Menschen, die ihre eigene Komfortzone bedroht sehen. Doch Julia begegnet diesem Hass mit Resilienz. Sie versteht, dass Ablehnung oft aus der Angst vor Veränderung und der mangelnden Bereitschaft zur Selbsterforschung resultiert.
MENTALE GESUNDHEIT UND DIE KRAFT DER ATMUNG
Ein Leben abseits der Norm erfordert viel mentale Energie. Julia betont, dass sie besonders durch ihre Ausbildung zum Embodiment Coach gelernt hat, wie wichtig es ist, bei sich selbst zu bleiben. Hier kommt eine Methode ins Spiel, die auch mir sehr am Herzen liegt: Restorative Breathing.
In einer Großfamilie mit zwei Partnerinnen und vier Kindern gibt es unzählige Bedürfnisse, die gleichzeitig gestillt werden wollen. Um hier nicht auszubrennen, nutzt Julia die Atmung als Anker.
Selbstfürsorge: Durch gezielte Atemtechniken findet sie den Weg vom Außen ins Innen.
Emotionsregulation: Wenn Konflikte oder Stress entstehen, hilft die Rückverbindung zum Körper, um ruhig und reflektiert zu reagieren.
Präsenz: Nur wer seine eigenen „Tanks“ auffüllt, kann eine Stütze für andere sein.
Restorative Breathing bietet hier das perfekte Werkzeug, um das Nervensystem zu regulieren und die nötige Kraft für die Sichtbarkeitsarbeit und den Familienalltag zu schöpfen.
LIEBE IST KEINE BEGRENZTE RESSOURCE
Eines der faszinierendsten Konzepte, die Julia beschreibt, ist das Verständnis von Liebe. Viele Menschen glauben, man könne nur 100% Liebe geben – wenn man diese teilt, bliebe für den Einzelnen weniger übrig. Julia nutzt hier einen wunderbaren Vergleich: Kinder.
Niemand würde behaupten, dass man sein zweites Kind weniger liebt als das erste, nur weil man die Liebe nun „teilen“ muss. Im Gegenteil: Das Herz wächst mit jeder neuen Beziehung. Liebe ist keine Torte, die kleiner wird, wenn man mehr Stücke abschneidet. Sie ist wie eine Flamme, die andere Kerzen entzünden kann, ohne selbst schwächer zu werden. In der Polyamorie geht es darum, sich diese Freiheit zu erlauben, Gefühle nicht zu unterdrücken, sondern sie als Teil der eigenen Identität anzunehmen.
KOMMUNIKATION ALS FUNDAMENT
Eine polyamore Beziehung kann nur durch absolute Ehrlichkeit und radikale Kommunikation funktionieren. Wenn sich eine Partnerin neu verliebt, löst das auch bei Julia Gefühle wie Eifersucht oder Verlustangst aus. Doch anstatt diese Gefühle zu verdrängen oder der Partnerin Verbote aufzuerlegen, geht sie in den Dialog.
Es geht darum, den Partner als Ganzes zu akzeptieren – inklusive seiner Gefühle für andere. Wer einen Teil des Partners ablehnt (zum Beispiel dessen Fähigkeit, mehrere Menschen zu lieben), lehnt letztlich die Person in ihrer Gesamtheit ab. Polyamorie ist somit ein permanentes Training in Ehrlichkeit und Selbstreflexion.
FAZIT: DER WEG NACH INNEN LOHNT SICH
Ob man nun polyamor, monogam oder in einer ganz anderen Form lebt – die wichtigste Erkenntnis aus dem Gespräch mit Julia ist: Schau nach innen. Die meisten Konflikte im Außen entstehen, weil wir den Kontakt zu unseren eigenen Bedürfnissen und Werten verloren haben.
Wir dürfen lernen, unsere Gefühle wahrzunehmen, sie zu akzeptieren und uns nicht von gesellschaftlichen Erwartungen einengen zu lassen. Wenn wir uns erlauben, authentisch zu sein, geben wir auch anderen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.
