FINGER WEG! WARUM BERÜHRUNGEN IN ATEMSESSION OFT SCHADEN
Und wie echtes Raumhalten klappt
Kennst du das? Du scrollst durch Social Media und siehst Videos von hochintensiven Atemsessions: Menschen weinen, schreien, zittern – und mittendrin bewegt sich ein Coach von Person zu Person, drückt hier, zieht da, flüstert ins Ohr oder wedelt mit ätherischen Ölen. Was im ersten Moment nach tiefer, unterstützender Körperarbeit (Bodywork) aussieht, birgt in Wahrheit ein massives Risiko.
In der neuen Podcastfolge räumt Timo gründlich mit einem weit verbreiteten Irrglauben in der Breathwork-Szene auf. Seine klare Botschaft an alle Coaches da draußen lautet: Hör auf, die Teilnehmenden ungefragt zu berühren! Hör auf zu glauben, dass du die Person bist, die die Probleme der anderen lösen muss. Warum ein solches invasives Verhalten den Prozessen meistens schadet und wie echtes, sicheres Raumhalten in Atemsessions wirklich funktioniert, erfährst du in diesem Artikel.
JEDER MENSCH TRÄGT DIE LÖSUNG BEREITS IN SICH
Die allererste und wichtigste Regel, die in hochintensiven Atemsessions gilt, ist simpel: Jede Person hat ihren ganz eigenen Prozess. Und jede Person findet die Lösung für diesen Prozess auf ihrer eigenen körperlichen und emotionalen Ebene. Es gibt absolut keine Notwendigkeit, dass eine externe Person – und sei es der Coach – manipulativ in diesen hochsensiblen Ablauf eingreift.
Viele frisch ausgebildete Coaches glauben, sie müssten den Prozess aktiv unterstützen, leiten, formen oder gar das Trauma des Gegenübers „lösen“. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die Antworten stecken bereits in den Teilnehmenden selbst. Was sie stattdessen brauchen, ist kein Heiler, sondern ein absolut sicherer, stabiler Rahmen.
DIE KUNST DES AKTIVEN RAUMHALTENS IN ATEMSESSIONS
Der grundlegende Aufbau von hochaktivierenden Atemsessions – wie etwa beim Holotropen Atmen oder dem von Timo konzipierten Format Electric Motion – ist keine Raketenwissenschaft. Meistens bildet eine simple Atemtechnik (wie eine zyklische Zwei- oder Dreischrittatmung) in Kombination mit der passenden Musik das Fundament.
Die eigentliche Kunst liegt im sogenannten Raumhalten (Holding the Space). Viele Coaches verwechseln das jedoch mit Aktionismus. Sie haben das Gefühl, aktiv etwas tun zu müssen, um ihren Wert zu beweisen. Beim professionellen Begleiten bedeutet aktives Tun jedoch meistens ein aktives Nicht-Tun.
Es erfordert eine vollständige physische und mentale Präsenz im Raum. In dem Moment, in dem sich ein Coach physisch intensiv an eine einzige Person bindet, verliert er die Präsenz für die restliche Gruppe. Ein stabiler Raum bricht dadurch weg. Das zu verstehen und auszuhalten, erfordert einen großen Erfahrungsschatz, den man nicht in einem Wochenendkurs oder einer schnellen Online-Zertifizierung lernt.
DIE PHÄNOMENOLOGIE DER ATEMREISE: TRANSFORMATION STATT BETÄUBUNG
Viele Teilnehmende kommen über Social Media oder Empfehlungen von Freunden zu einer intensiven Breathwork Session. Oftmals haben sie keine genaue Vorstellung davon, was sie erwartet. Sie hören von „Reisen durch das Universum“, „Out-of-Body-Erfahrungen“ oder transpersonalen Erlebnissen.
In einer hochintensiven Atemsession wird durch die veränderte Physiologie ein Teil des Gehirns (das analytische Denken) temporär heruntergefahren. Der Mensch befindet sich in einem Zustand extrem erhöhter Wahrnehmung – allerdings auf körperlicher und emotionaler, nicht auf mentaler Ebene. In diesem Zustand können verdrängte emotionale Blockaden und Traumata an die Oberfläche kommen.
Von außen betrachtet sieht das manchmal wild aus. Doch Timo warnt vor Fehlinterpretationen: Nur weil jemand weint oder zittert, heißt das nicht, dass es ihm schlecht geht. Und umgekehrt: Liegt jemand völlig still da, kann in seinem Inneren dennoch ein emotionales Feuerwerk ablaufen. Wenn ein Coach nun ungefragt interveniert, bewertet er den Prozess von außen nach seinen eigenen Maßstäben. Das ist oft ein reines Ego-Thema des Coaches, der sich über seine vermeintlich rettende Rolle profilieren will. Im schlimmsten Fall zeigt der Coach damit nur seine eigene Angst vor der Intensität des Raumes und betreibt pure Machtergreifung und Kontrolle.
Zudem darf Breathwork nicht als gesündere Ersatzdroge missbraucht werden. Wer von Session zu Session rennt, um sich einfach nur „wegzubeamen“ und dem Alltag zu entfliehen, nutzt das Atmen als spirituelle Vermeidungsstrategie. Wahre Transformation entsteht nicht durch den Dauerrausch, sondern durch die anschließende Integration der Erfahrung in den echten Alltag.
DIE GEFAHR DER INVASIVEN INTERVENTION: VERLUST DER SELBSTWIRKSAMKEIT
Warum ist eine ungefragte Berührung nun so schädlich? Ganz einfach: Jede physische Annäherung – und sei es nur das wortlose Danebensetzen – ist ein massiver Eingriff in das Energiefeld und den psychophysiologischen Prozess des Atmenden.
In diesem fragilen Zustand braucht der Teilnehmende vor allem eines: Selbstwirksamkeit. Er muss am eigenen Leib erfahren, dass er die Kraft besitzt, durch das aufkommende Gefühl hindurchzugehen und es selbst zu regulieren. Wenn in diesem Moment ein Coach dazwischengeht, vermittelt er der Person unbewusst das Gefühl: „Du schaffst das nicht alleine. Du brauchst mich, um mit deinen Emotionen fertigzuwerden.“ Das schwächt das Selbstvertrauen nachhaltig und verhindert echte Heilung.
SCHRITTWEISE ANNÄHERUNG: WIE KÖRPERARBEIT ETHISCH KORREKT LÄUFT
Bedeutet das nun, dass Körperarbeit in Atemsessions komplett verboten ist? Nein, aber sie muss an radikal klare, ethische Bedingungen geknüpft sein. Wenn Berührung stattfindet, dann nur über eine schrittweise Annäherung und mit ausdrücklichem Konsens:
Klare Absprachen im Vorfeld: Bereits vor der Session muss kommuniziert werden, wie Körperarbeit abläuft. Die Teilnehmenden müssen wissen, dass sie jederzeit die Zügel in der Hand halten.
Handzeichen nutzen: Der Impuls für Unterstützung muss immer von der erlebenden Person ausgehen. Ein einfaches Heben der Hand signalisiert dem Coach: Ich wünsche mir Begleitung.
Nonverbale und verbale Annäherung: Der Coach nähert sich langsam. Er bleibt zuerst mit Abstand stehen, setzt sich dann ruhig daneben und sucht erst den verbalen Austausch („Was brauchst du gerade?“), bevor überhaupt angefasst wird.
Angebote machen statt Druck ausüben: Statt der Person ungefragt ins Gesicht zu fassen oder manipulativen Druck auszuüben, werden Angebote gemacht („Wäre es okay, wenn ich meine Hand hier auflege?“).
Widerstand statt Manipulation: Gute Körperarbeit im Restorative Breathing bewegt sich nie über den Zug oder Druck des Coaches. Der Coach bietet lediglich einen stabilen Widerstand oder ein energetisches Gegenüber, gegen das der Teilnehmende selbst drücken kann, wenn er es braucht. Intime Zonen und das Gesicht sind dabei absolut tabu.
FAZIT: DIE ZÜGEL BLEIBEN BEI DIR
Egal, ob du als Coach oder als atmende Person in eine Session gehst: Sei dir bewusst, dass ein professioneller Begleiter dir Raum schenkt, anstatt ihn dir durch ungefragte Impulse zu nehmen. Ein guter Raum zeichnet sich dadurch aus, dass die Grenzen beider Seiten von Anfang an klar definiert sind.
Deine innere Weisheit weiß genau, was du brauchst und wie viel du in diesem Moment verarbeiten kannst. Vertraue darauf. Die Lösung steckt bereits in dir.
