HUNGER, ACHTSAMKEIT UND DIE MACHT DER ENTSCHEIDUNG: EIN DIALOG ZWISCHEN KÖRPER UND GEIST
INTERVIEW MIT NURIA PAPE-HOFFMANN
Hast du dich jemals gefragt, warum wir essen, obwohl wir keinen physischen Hunger spüren? Oder warum uns der Atem stockt, wenn wir unter Stress stehen? In einer faszinierenden Episode des Podcasts tauchen wir tief in die Welt der Körperwahrnehmung ein – von emotionalem Essen bis hin zu den Parallelen in der bewussten Atemarbeit.
DIE VERBINDUNG ZUM KÖRPER: VOM KAMPF ZUR FREUNDSCHAFT
Viele von uns kennen das Gefühl: Der Körper scheint ein Hindernis zu sein, das es zu bezwingen gilt. Oft wird gegen das eigene Körperbild gekämpft, wobei Diäten meist als Werkzeug des Krieges dienen. Doch eine Diät ist oft ein starres Korsett von außen, das die individuellen Bedürfnisse, die Tagesform und die Emotionen ignoriert.
Zentral ist hier die Rückkehr zur inneren Verbindung. Durch gezielte Übungen lernen wir, nicht mehr gegen den Körper zu arbeiten, sondern mit ihm zu fließen. Es geht darum, eine „Freundschaft“ mit dem eigenen physischen Selbst aufzubauen. Wenn wir lernen, achtsam zu spüren, was wir wirklich brauchen, wandelt sich der tägliche Überlebenskampf in ein liebevolles Miteinander.
DAS BILD VOM DOMPTEUR UND DEM WILDEN TIER
Ein zentrales Bild dieses Gesprächs ist die Metapher vom Dompteur (dem Kopf) und dem wilden Tier (dem Körper). Ein Dompteur kann ein Tier durch Gewalt und Disziplin unterwerfen. Es wird parieren – solange der Dompteur stark ist. Doch in Momenten der Schwäche, bei Stress oder Erschöpfung, wird das Tier aufbegehren und den Dompteur von hinten anfallen.
Dies erklärt das Phänomen von Heißhungerattacken nach strengen Verzichtphasen. Der Kopf hat zu lange gepeitscht, und der Körper holt sich mit Gewalt zurück, was ihm verwehrt wurde. Die Lösung liegt in der Domestizierung durch Liebe und Verständnis. Anstatt das Tier zu peitschen, nehmen wir es an die Hand. Wir erkennen an, dass der Körper Bedürfnisse hat, die gesehen werden wollen.
DER RAUM ZWISCHEN REIZ UND REAKTION
Ein Schlüsselmoment des Austauschs ist das Zitat von Viktor Frankl:
„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Freiheit und unsere Macht, unsere Antwort zu wählen.“
Dieser Raum lässt sich auch beim Tauchen oder in der Atempause finden. Wenn der Reiz der Atemnot kommt, entsteht oft Panik. Doch wer trainiert ist, erkennt diesen Raum. Man muss nicht sofort reagieren. Man kann den Impuls beobachten, ihn annehmen und sich neu entscheiden.
Genauso verhält es sich mit dem Hunger. Wenn der Reiz „Schokolade“ oder „Chips“ am Abend auftaucht, geschieht das oft automatisch. Unser präfrontaler Kortex – der Teil des Gehirns, der kluge Entscheidungen trifft – ist nach einem langen Tag im Standby-Modus. Wir fallen zurück in alte Muster. Achtsamkeit bedeutet hier, diesen Raum bewusst zu weiten.
ICH ENTSCHEIDE MICH NEU: DIE KRAFT DER BEWUSSTEN WAHL
„Ich entscheide mich neu.“ Dieser Satz ist eine Offenbarung. Es geht nicht darum, den Gedanken an Süßigkeiten mit Gewalt zu unterdrücken. Widerstand erzeugt Gegendruck. Vielmehr geht es darum, die Energie umzuleiten.
Anstatt zu sagen „Ich darf das nicht essen“, was sofort Mangel und Kampf erzeugt, fragen wir uns: „Was brauche ich gerade wirklich?“. Vielleicht ist es gar nicht der Zucker, sondern Entspannung nach einem harten Arbeitstag. Die neue Entscheidung könnte lauten: „Ich verdiene es, mich morgen früh leicht und energievoll zu fühlen. Deshalb wähle ich jetzt eine Tasse Tee statt der Chips.“
EMOTIONALES ESSEN ALS SCHUTZSCHILD
Emotionales Essen ist oft nur die Spitze eines Eisbergs. Darunter liegen vergrabene Bedürfnisse, Ängste oder ungelebte Träume. Oft dient das Essen als „Sedierung“ – als Kissen, das auf unangenehme Emotionen gedrückt wird, um sie zu ersticken.
Wenn wir diese Emotionen jedoch durch Achtsamkeit zulassen, brauchen wir das Betäubungsmittel nicht mehr in diesem Maße. Wir lernen, das „Monster auf dem Weg“ nicht zu bekämpfen, sondern es als Teil unserer Reise zu akzeptieren.
DAS GEHEIMREZEPT: SELBSTMITGEFÜHL
Warum scheitern so viele Menschen an ihren Vorsätzen? Weil sie zu hart mit sich selbst sind. Die „Geheimsoße“ für Veränderung ist das Selbstmitgefühl. Wenn wir merken, dass wir wieder in alte Muster verfallen, sollten wir uns sagen: „Ich bin ein Mensch, ich bin müde, es ist normal, dass dieser Teil in mir nach Sicherheit sucht.“
Diese liebevolle Annahme entspannt das Nervensystem sofort. Paradoxerweise führt erst das Akzeptieren des Ist-Zustandes dazu, dass wir ihn verändern können. Wer gegen sich selbst kämpft, spaltet sich. Wer sich selbst mit Mitgefühlbegegnet, schafft eine echte Einheit.
KÖRPERLICHE GRENZEN UND DIE FRAGE: WAS IST GUT DARAN?
An der Grenze – sei es Hunger beim Fasten oder die Intensität einer tiefen Atemsession – taucht oft Widerstand auf. Eine hilfreiche Strategie ist die Frage: „Was ist gut daran?“.
Diese Frage zwingt den Geist, die Perspektive zu wechseln. Anstatt den Fokus auf den Mangel oder den Schmerz zu richten, suchen wir nach dem Nutzen. Was lehrt mich dieser Hunger gerade über meine Selbstbeherrschung? Was zeigt mir dieser intensive Moment über meine lebendige Kraft? Diese Form der Analyse vergrößert den Raum zwischen Reiz und Reaktion enorm.
FAZIT: DEIN WEG ZU MEHR KLARHEIT
Achtsamkeit beim Essen und Achtsamkeit beim Atmen sind zwei Seiten derselben Medaille. Es geht darum, den Autopiloten auszuschalten und wieder zum Gestalter des eigenen Lebens zu werden. Ob du nun deine Ernährungumstellen möchtest oder durch bewusste Atemarbeit mehr innere Ruhe suchst: Der erste Schritt ist immer das wertfreie Wahrnehmen dessen, was ist.
Möchtest du lernen, wie du deine Atmung nutzen kannst, um diesen „Raum der Entscheidung“ in deinem Alltag zu vergrößern? Besuche unsere Website unter restorativebreathing.org und entdecke unsere Ausbildungsmöglichkeiten oder nimm an einer unserer wöchentlichen Live-Sessions teil. Lerne, dich wieder wahrhaftig mit dir selbst zu verbinden.
