SEXUELLE TRANSFORMATION: WIE ELTERNSCHAFT UND VERBINDUNG NEU DEFINIERT WERDEN
IM INTERVIEW MIT DANIA SCHIFTAN
Die Geburt eines Kindes ist ein lebensveränderndes Ereignis. Doch während wir uns akribisch auf die Geburt, den Kinderwagenkauf und die finanzielle Absicherung vorbereiten, bleibt ein zentraler Pfeiler oft völlig unterbesprochen: die Sexualität. In der neuen Podcastfolge spricht Timo mit der renommierten Sexualtherapeutin und Bestsellerautorin Dania Schiftan darüber, wie Paare den Übergang vom Liebespaar zum Elternsein meistern, ohne die sexuelle Verbindung zu verlieren. Es geht um Transformation, Selbstliebe und die heilende Kraft der Atmung.
DER MYTHOS DER NORMALITÄT NACH DER GEBURT
Viele Paare leben mit der Erwartung, dass nach der magischen “Sechs-Wochen-Frist” – die oft von Gynäkologen für die körperliche Heilung genannt wird – alles wieder so wird wie vorher. Doch Dania Schiftan stellt klar: Ein „Zurück zum Alten“ gibt es nicht. Es entsteht ein neues Normal. Die körperlichen Veränderungen bei der Frau, von hormonellen Turbulenzen bis hin zu Verletzungen im Genitalbereich, sind massiv.
Oft wird die Sexualität einfach „passieren gelassen“, anstatt sie aktiv zu gestalten. Timo betont hierbei, dass Sexualität ein Grundpfeiler der mentalen Gesundheit und der zwischenmenschlichen Verbundenheit ist. Wenn wir aufhören, über unsere Bedürfnisse zu sprechen, riskieren wir eine emotionale Entfremdung. Der erste Schritt zur Besserung ist die Akzeptanz des Ausnahmezustands. Es darf am Anfang „schrecklich“ sein, man darf sich überfordert fühlen, und man muss nicht sofort wieder perfekt funktionieren.
KOMMUNIKATION ALS SCHLÜSSEL ZUR INTIMITÄT
Ein entscheidender Tipp der Expertin: Sprecht über Sexualität, aber wählt den richtigen Rahmen. Dania Schiftan empfiehlt, schwierige Themen beim Spazierengehen zu besprechen. Warum? Weil man sich dabei nicht direkt in die Augen starrt, was den Druck mindert und die Atmung fließen lässt.
DER DRUCK DER LÖSUNGSORIENTIERUNG
Besonders Männer neigen dazu, sofort in den „Lösungsmodus“ zu verfallen. Wenn die Partnerin von Schmerzen, Erschöpfung oder Fremdkörpergefühlen berichtet, wird oft nach Schema F gesucht. Doch in dieser Phase braucht es keine schnellen Lösungen, sondern Raum. Es geht darum, auszuhalten, dass Dinge gerade schwierig sind. Die Kommunikation sollte wertfrei sein: „Wie fühle ich mich gerade in meinem Körper?“ statt „Warum funktioniert unser Sexleben nicht?“.
DIE KRAFT DER RESTORATIVE BREATHING UND ACHTSAMKEIT
Hier kommt ein wesentlicher Aspekt ins Spiel, den Timo tagtäglich lehrt: Die bewusste Atmung. In turbulenten Momenten mit dem Kind oder in Phasen der partnerschaftlichen Anspannung ist Restorative Breathing ein Anker. Durch die Regulierung des Atems können wir unser Nervensystem beruhigen und emotional überhaupt erst wieder für den Partner oder die Partnerin präsent sein.
Wenn der Körper sich durch die Geburt fremd anfühlt, kann die Atmung helfen, wieder im Hier und Jetzt anzukommen. Dania Schiftan rät Frauen, sich ihren Körper Stück für Stück wieder anzueignen. Eine einfache Übung: Unter der Dusche den eigenen Körper wie ein „Alien“ wertfrei erkunden. Wo ist es weich, wo hart, wo sind Risse? Diese achtsame Berührung, kombiniert mit tiefem Atem, hilft dem Gehirn, verletzte Areale wieder positiv zu integrieren und Alarmsignale herunterzufahren.
ABSICHTSLOSE BERÜHRUNG: WEG VOM ZIELDRUCK
Ein häufiger Fehler in Langzeitbeziehungen nach der Geburt ist die Kopplung jeder Zärtlichkeit an die Erwartung von Sex. Wenn jede Umarmung als „Vorspiel“ interpretiert wird, ziehen sich Frauen oft zurück, um keine falschen Erwartungen zu wecken.
Die Lösung liegt in der absichtslosen Berührung. Paare müssen lernen, sich zu berühren, ohne dass daraus Geschlechtsverkehr entstehen muss. Das schafft Sicherheit und Vertrauen. Wenn klar ist, dass eine Hand auf der Schulter oder eine Massage am Abend kein „Vertrag“ für späteren Sex ist, kann die körperliche Nähe wieder genossen werden. Dies baut den Boden für eine spätere, neu entdeckte Lust auf.
MÄNNLICHE SEXUALITÄT UND DIE CHANCE DER SELBSTLIEBE
Auch für Männer ändert sich durch die Vaterschaft alles. Die Partnerin ist plötzlich „Mutter“, oft emotional weniger verfügbar und körperlich erschöpft. Viele Männer erleben dies als Entzug einer wichtigen Ressource. Dania Schiftan gibt hier einen sehr direkten Rat: Die Qualität der Selbstbefriedigung zu verändern.
Statt „Fast-Food-Sex“ (kurz, funktional, oft mit Pornos) sollten Männer diese Zeit nutzen, um eine Form der Selbstliebezu kultivieren, die den ganzen Körper und vor allem die Atmung mit einbezieht. Wenn der Mann lernt, für seine eigene sexuelle Zufriedenheit und Entspannung Verantwortung zu übernehmen, wird er emotional flexibler. Er ist dann weniger abhängig von der (vielleicht gerade fehlenden) Verfügbarkeit der Partnerin und kann ihr mit mehr Verständnis und weniger Frust begegnen.
SEXUALITÄT ALS ENTWICKLUNGSPROZESS
Wir müssen aufhören zu glauben, dass Sexualität statisch ist. Sie entwickelt sich mit uns. Ob durch Tantra, neue Formen der Kommunikation oder die Integration von Restorative Breathing – die sexuelle Transformation nach der Geburt ist eine Chance, sich auf einer tieferen Ebene neu kennenzulernen.
Es geht nicht darum, wie oft oder wie lange man Sex hat, sondern wie tief die Verbindung ist. Diese Verbindung beginnt bei jedem selbst: in der Akzeptanz des eigenen Körpers, in der bewussten Pause und im ehrlichen Austausch mit dem Partner.
FAZIT: DER WEG ZU NEUER VERBUNDENHEIT
Die Transformation zur Familie muss kein Grab für die Leidenschaft sein. Wer bereit ist, den Leistungsdruck abzulegen, die Atmung als Werkzeug zu nutzen und die Kommunikation radikal ehrlich zu gestalten, wird eine neue Form der Intimität finden. Sexualität ist kein Ziel, das man erreicht, sondern eine Reise, die man gemeinsam – und doch jeder für sich – antritt.
Wichtige Schritte für Paare:
Akzeptanz: Es gibt kein „altes“ Normal mehr.
Bewegung: Gespräche beim Spaziergang führen.
Achtsamkeit: Den eigenen Körper wertfrei erkunden.
Absichtslosigkeit: Kuscheln ohne Sex-Druck.
Selbstverantwortung: Die eigene Lust als gleichwertig anerkennen.
